Alberto MoraviaAlberto Moravia wurde als Sohn einer jüdisch-katholischen Familie am 28.11.1907 in Rom geboren. Der Vater war ein wohlhabender Architekt; das Geburtshaus liegt im vornehmen Stadtteil Parioli. Im Alter von neun Jahren erkrankte Alberto an einer Knochentuberkulose, die nicht rechtzeitig erkannt und falsch behandelt wurde. In den folgenden Jahren verbrachte er einen Großteil seiner Zeit in Sanatorien. In dieser Zeit las er viel; die Bücher von Leopardi und Goldoni, Rimbeau und Molière, Boccaccio und Manzoni, Shakespeare und Dickens, Gogol und besonders Dostojewski wurden zu seinen wichtigsten Begleitern.
Nach seiner Entlassung aus dem Sanatorium begann er 1925 mit der Aufzeichnung von „Die Gleichgültigen“ – und landete damit sofort einen Welterfolg. Das Buch schildert das ereignisarme Leben der verwitweten Mariagrazia, ihrem Liebhaber Leo und ihren beiden gerade erwachsen gewordenen Kinder. Die beiden großen Themen, die alle nachfolgenden Werke bestimmen – die Macht von Sexus und Geld – sind hier schon angelegt. Die Teilnahmslosigkeit und Lethargie der Hauptpersonen bestimmen den Ton und die Stimmung des Buches. Moravia nimmt damit – völlig intuitiv und unprogrammatisch – die Themen des Existenzialismus vorweg.
Die italienischen Faschisten sahen sich nach dem großen Erfolg des Romans zum Verbot des Buches gezwungen. Später konnte sein Roman „Die Maskerade“ als deutliche Kritik am Faschismus und an jeder Art von Diktatur gelesen werden. 1943 wurde ihm jede publizistische Tätigkeit verboten. Doch in Lebensgefahr geriet Moravia erst mit der Besetzung Roms durch die Deutschen, die ihn in ein Konzentrationslager deportieren wollten. Moravia gelang die Flucht und gemeinsam mit seiner Frau Elsa Morante versteckte er sich in den Bergen. Dort schrieb er an seinen nächsten Romanen.
Bald nach der Befreiung Italiens durch die Amerikaner erschien mit „Agostino“ Moravias vielleicht schönster Roman. Sprachlich schlicht und einfach, aber mit großer Eindringlichkeit zeichnet er hier das Psychogramm eines dreizehnjährigen Jungen, der mit seiner geliebten Mutter die Ferien am Meer verbringt.
Nun kehrt Moravia wieder nach Rom zurück. Die Stadt, ihre Menschen und deren Vitalität wird zu einer wichtigen Inspirationsquelle. 1947 erscheint „Die Römerin“. Erstmals steht nun das Leben einer einfachen Frau aus der römischen Unterschicht im Mittelpunkt. Adriana wird schon als junges Mädchen von ihrer Mutter als Modell an zweitklassige Maler verkauft. Adriana rebelliert jedoch nicht gegen ihr Schicksal. Die Themen dieses Romans – Sex, Selbstmord, Wertverlust – erregen Anstoß bei der katholischen Kirche. Sie setzt das Werk 1952 wegen Obszönität auf den Index.
1954 und 1959 legt Moravia die beiden Bände seiner „römischen Erzählungen“ vor. Hier ist Moravia auf der Höhe seiner Erzählkunst.
Pfiffige Gauner und notorische Pechvögel, Taschen- und Tagediebe, Kellner, Taxifahrer, Vorstadtmusiker und Filmstatisten, Hausmädchen, Blumenverkäuferinnen und Gelegenheitsprostituierte berichten von ihren vielfältigen Abenteuern. So ergibt sich ein Mosaik des römischen Lebens und Moravia führt uns die niemals schmerzfreie Kunst des Überlebens nicht als Drama sondern als Komödie vor. Ein wunderbares Buch, ein Kleinod.
Mit „La noia“ schafft Moravia noch 1960 noch einmal einen Welterfolg. Er variiert hier noch einmal das Thema der Gleichgültigkeit aus seinem ersten Roman. Doch Sexualität gibt es hier nicht mehr als Kommunikation zwischen zwei Menschen, sondern wird auf eine beziehungslose Triebhaftigkeit reduziert.
In allen späteren Romanen (z.B. „Der Zuschauer“, „Die Reise nach Rom“) erreicht Moravia nicht mehr die Tiefe seiner bisherigen Werke. Moravia bleibt an der Oberfläche. Obszönität verdrängt die Erotik, der Exhibitionismus siegt über die Lust.
Moravia stirbt am 26.9.90 in seiner römischen Wohnung am Tiberufer an einem Herzversagen.
Wichtige Werke:
Die Gleichgültigen 1929
Agostino 1944
Die Römerin 1947
Römische Erzählungen 1954 / 1959
La noia 1960
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